von Hörnern und sternschnuppen

La Gouille (1834 ü.M.) - Lac Bleu (2092) - Remointse du Sex Blanc (2417) - Lac Bleu (2092) - Pra Gra (2164) - Arolla (2006)


Am Samstag, dem 12. August 2017 mache ich mich um fünf Uhr in der Früh von Zürich Albisrieden auf den Weg ins Wallis. Ich dachte, ich könne so in Ruhe und vor den anderen Wochenendausflüglern reisen, aber denken allein führt nicht immer zum Erfolg :) Als ich über vier Stunden später an meinem Startpunkt "La Gouille" (1834 ü.M.) ankomme, bin ich völlig gestresst: So viele Menschen und so viel Geplapper ertrage ich am Morgen nicht. Mittags und abends übrigens auch nicht. Aber hier ist es nun ruhig. Das Postauto hat mich abgesetzt und befördert die plappernde Menge weiter nach Arolla. Jetzt habe ich Zeit und Raum für wichtige Dinge. Atmen. Und Essen. Und erwartungsvoll (=trotzig) in den grauen Himmel schauen. Es dauert nicht lang, bis die Wolkendecke nachgibt und - wie vorhergesagt - aufreisst. Mein kleines Biwak Abenteuer kann beginnen.

 

Der Weg zum Lac Bleu (Blausee) ist fair zu Wandernovizinnen und grün und lebendig. Meine Lebensgeister erwachen und melden schon nach wenigen Höhenmetern Entschleunigungsbedarf an. Einige Ältere und Kinder überholen mich. Aber die haben ja schliesslich auch nicht 10 Kilogramm Gepäck dabei. (!). Naja, und vielleicht waren sie in den letzten Monaten auch nicht so bewegungsfaul wie ich. Egal. Ich habe Zeit. Laufe (=schleiche) munter den Weg entlang, mache Fotos und freue mich über die frische Luft und die Sonnenstrahlen, die immer wie mehr durch die Baumkronen blinzeln. Nach ca. 50 Minuten erreiche ich den See (2092 ü.M.). Der eher so ein ganz kleiner See ist. "Blautümpel" hätte es eigentlich auch gut getroffen. Aber blau ist er in der Tat. Und wunderschön. Ein kleines paradiesisches Farbenspiel in dieser gewaltigen Landschaft. Ich bin entzückt. So sehr, dass mich sogar die vielen Menschen, die sich in kleinen Grüppchen um den "See" verteilt haben, nicht weiter stören. Ich suche mir ebenfalls einen Sonnenwiesenplatz und döse zufrieden vor mich hin.

 

Ausser Touristen gibt es am Blautümpel noch Kühe. Mit schweren Glocken um den Hals. Und (!) mit Hörnern. Das Stadtkind in mir staunt nicht schlecht. Ganze Kühe haben scheinbar Hörner (www.kuhmithorn.ch).* Die einen grasen unbeteiligt vor sich hin und die anderen stecken (kampflustig?) ihre Köpfe und Hörner zusammen. Ich sehe meine physische Sicherheit gefährdet (völlig unbegründet im Nachfeld) und beschliesse, "meinen" Wiesenplatz kleinlaut den grossen Tieren zu überlassen. Schliesslich wohnen sie ja auch schon etwas länger hier :) 


Der "Lac Bleu" und seine Gastgeber


Vom See führt ein schöner (= sichtbarer und anfängertauglicher) Weg bergauf in Richtung der Hütten "Remointse du Sex Blanc" und "Cabane Aiguilles Rouges". Diese werde ich zwar heute nicht mehr erreichen; trotzdem lohnt sich der kleine Abstecher für mich. Die Sonne brennt mittlerweile gnadenlos auf meine ungeschützte Haut (ca. 24h zuvor: "200g Sonnencreme gehen jetzt aber wirklich nicht mehr in meinen ohnehin schon viel zu schweren Rucksack, nein!") und ich bin froh, dass mir vereinzelte Baumgruppen grosszügig Schatten spenden. Nach gefühlten weiteren 200 Höhenmetern stosse ich nach der Baumgrenze auf den ersten Schnee (und ziemlich kalten Wind). Auf einem natürlichen Aussichtsplateau (auf dem es noch mehr Wind gibt) schlage ich um sechszehn Uhr mein Nachmittags-Picknick-Lager auf und geniesse die Wahnsinns-Sicht auf die schneebedeckten 3000'er. Ausser mir ist noch eine Wandergruppe hier: Eine Frau meditiert einsam auf einem Stein, eine zweite baut einen kleinen Schneemann mit Hut, und der Mann, der mir auf dem Weg hierhin freundlicherweise meinen Rucksack tragen wollte, schaut ihr dabei zu. Ich finde sie spontan sympathisch.


Picknickplatz Deluxe


Nach der Stärkung geht es für mich den gleichen Weg wieder zurück zum See. Ich möchte rechtzeitig anfangen mein Nachtlager aufzubauen und ich merke auch, dass ich langsam müde und meine Knie schwach werden. Ohne Eile und auf jeden Schritt bedacht, geht es über Stock und Stein bergab zurück zum Blautümpel. Mittlerweile sind die meisten Gäste gegangen. Der Bauer sammelt gerade seine Kühe ein (die er scheinbar alle beim Namen kennt) und rennt selbst wie eine eifrige Bergziege mit seinem Stock über die hügelige Wiese, um auch die ignorantesten Tiere zur Rückkehr zu bewegen. Eine eingespielte Prozedur, die es gestern schon gab und die morgen wieder stattfindet. Nur mit neuen Zaungästen.

 

Als das Glockengebimmel aufhört, wird es sehr ruhig. Ein junges Schweizer Pärchen macht ein Lagerfeuer für's Znacht und eine Gruppe Jugendlicher schleicht schuldbewusst umher, um einen geeigneten Zeltplatz zu finden. Zelten ist hier eigentlich nicht erlaubt (biwakieren wahrscheinlich auch nicht), aber wo kein Kläger, da kein Richter. Mein Biwak schlage ich auf einem kleinen Hügel auf. Ich wollte schon immer mein eigenes Fort haben; so kann ich den allfällig nahenden Feind früh erkennen und ihm oben mit meinem Wanderstock auflauern. Insgeheim hoffe ich eigentlich, dass der "Feind" (weiss selbst nicht genau, wer oder was das sein soll) einfach zu faul ist, den Hügel hochzulaufen :)


Fort Stef


An Schlaf ist in dieser Nacht wenig zu denken. Angst vor dem Unbekannten, ein fieser Sonnenbrand und Kälteschauer leisten mir verlässlich Gesellschaft. Aber vor allem bin ich fasziniert und benommen von dem Sternenmeer über mir. Ich habe noch nie so viele Sterne gesehen. Wo waren sie die ganze Zeit über? Und war ich schon immer so klein? Ich male Striche in die Luft und neue Sternenbilder, frage mich, welche Sterne wohl Planeten und keine Sonnen sind und zähle die Schnuppen. Kleine und grosse. Mit und ohne Schweif. In- und ausserhalb der Milchstrasse. Es ist fantastisch. Wünsche habe ich keine. Was kann man sich in so einem Moment noch wünschen? Nichts. Nichts. Später in der Nacht leuchtet der Mond die ganze Umgebung aus. Diese Stunden sind so besonders, sie wirken surreal in dieser sonst so kleingeistigen Welt.

 

Als es langsam anfängt zu dämmern, finde ich meine Ruhe und etwas Schlaf, bevor ich um sechs Uhr wieder aufstehe. Obwohl ich mich kaum richtig erholen konnte, fühle ich mich frisch und voller Tatendrang. Bei den Zeltern ist noch alles still, und ich bin froh, mit meinem Frühstück am See allein zu sein. Zwei Stunden später habe ich meine Schlafsachen ordentlich versorgt (=mühsam wieder in ihre Hüllen gequetscht) und bin so gut es geht gerichtet für meine zweite Halbtagestour. Noch immer habe ich keinen Menschen gesehen. Nur Bäume. Wasser. Berge. Sonnenstrahlen. Und Schinkenbrot mit selbst gebackenen Chocolate Chip Cookies. Welch ein Segen.


Was will Frau mehr?


Hoch motiviert und wie neugeboren mache ich mich auf den Weg nach Arolla, um von dort später am Nachmittag nach Zürich zurückzufahren. Zwei weitere einzelne Wanderinnen kommen mir entgegen, ansonsten gehört mir dieser Weg allein. Knapp über eine Stunde soll es dauern [...] Nun ja. Kein Kommentar. Der Weg führt auf und ab durch einen Wald über kleine Bäche und Brücken. Dafür dass auf der Karte kaum Höhenmeter zu erkennen sind (ca. 100), ist das "auf und ab" dann aber doch sehr dominant. Selbstbewusst wähle ich an einer Abzweigung die Route "Chemin difficile" (Schwieriger Weg) und stelle fest, dass ab diesem Punkt Stolpern an den meisten Stellen ungesund ist. Angst habe ich diesmal keine. Dass hier weder Gegen- noch Überholungsverkehr herrscht, ist der ganzen Sache sehr zuträglich. Es hat einige leicht ausgesetzte, mit Ketten gesicherte Stellen, die ich aber mit viiieeel Zeit und Achtsamkeit (und noch mehr Zeit) entgegen meiner Höhenangst gut packe. Was mir viel mehr zu schaffen macht, ist erneut die Sonne, die sich gierig auf mein eh schon verbranntes Gesicht stürzt. Das grandiose Landschaftsbild zieht währenddessen nochmals alle Register, um mich davon abzulenken.

 

Wiederholt bin ich überwältigt von der Schönheit und Vielfältigkeit des Lebens. Während ich in der Reizflut des Stadtlebens immer müder und schwerer werde, lädt mich alles hier ein, lebendig zu sein. Ich atme dieses Gefühl und möchte es in jeder meiner Zellen speichern. Es gibt für mich in diesem Moment keinen Ort, an dem ich lieber sein würde.


Auf dem "Chemin difficile" nach Arolla


Gegen den frühen Mittag komme ich erschöpft und glücklich in Arolla an. Das Postauto fährt erst in drei Stunden nach Sion, also gehe ich noch ein Eis essen und das Outdoorgeschäft erkunden. Mehr Energie kann ich nicht mehr aufbringen. Die fünf Stunden Heimfahrt im Anschluss ziehen sich ziemlich in die Länge. Sonntagabend erschöpft und voller Eindrücke zurück in Zürich überlege ich als Erstes, wo ich wohl mein nächstes Biwak mache :)


 

*Als das hier schreibe und dazu recherchiere, lerne ich, dass der Mensch das Horn der Kuh scheinbar oft wegbrennt oder wegzüchtet, um den Platzbedarf bei der Haltung und die Kosten zu reduzieren. Wer züchtet jetzt nur dem Menschen die Dummheit weg?