von schotten und scalies

Tag 1: Wiler Lötschen (1395 m ü. M.) - LSB - Lauchernalp (1969) - Stafel (2102) - Weritzalp (2099) - Schwarzsee (1860) - Fafleralp (1787)

             [Schwierigkeit T1-T2; Distanz 9km+1; Höhenmeter280+250 620+250]

Tag 2: Fafleralp (1787) - Guggisee (2007) - Anenhütte (2358) - Grundsee (1842) - Fafleralp (1787)

             [Schwierigkeit T2; Distanz 10.5km+1.5; Höhenmeter610+200 610+200]

*Zusatzmeter durch Verlassen des Wanderweges

Guggisee


Manche Menschen begleiten uns viele Jahre und bringen kaum Freude in unser Leben. Und andere begleiten uns ein paar Stunden und schaffen es spielerisch leicht, für einen Moment die Zeit anzuhalten und uns uns selbst näher zu bringen. Als ich am Freitagmorgen meine kleine Wochenendreise ins Oberwallis antrete, ahne ich noch nicht, dass ich dieses Mal Gesellschaft auf meiner Wanderung bekommen werde. Zwei besondere Menschen aus dem US-Bundesstaat Oregon kreuzen meinen Weg: My first Hiking Friends ever :) Aber dazu später mehr.

Nach einer dreistündigen Zugfahrt mit Start in Zürich komme ich bei sonnig-kaltem Herbstwetter in Wiler (Lötschen) an. Hier bei der Talstation beginnt meine kleine Panoramatour: Ich habe mir vorgenommen, einen Teilabschnitt des Lötschberg Panoramawegs zu wandern; den einfachen Teil versteht sich. Und damit er auch einfach bleibt, erspare ich mir den Aufstieg und nehme für 9 Sfr. die Seilbahn zur Lauchernalp Bergstation auf knapp 2000m ü. M. Die nicht einmal fünfminütige Fahrt in der (für meinen Geschmack) überfüllten 100-er Kabine ist sehr laut (Schulklasse on board) und ungeniessbar (Wohlfühlabstands-diskrepanz). Aber dafür komme ich zur Abwechslung mal unverschwitzt und voller Energie oben an. Wer das eine will ... ja, ja.

Oben bei der Bergstation gibt es mehrere Richtungsoptionen. Und wie immer, wenn es mehrere Optionen gibt, bin ich mit der Auswahl überfordert. Ich könnte wie geplant den gelb markierten Weg nehmen (= Folge der langweiligen Strasse!), oder den weiss-rot-weiss markierten Weg (= Komm auf den einsam-romantischen Pfad, der sich am Berg entlangschlängelt!). Die Schulklasse trabt die Strasse entlang. Ich entscheide mich für weiss-rot-weiss. Und wo ich nun eh schon von meinem Plan abweiche, kann ich auch gleich noch einen kleinen Abstecher in Richtung Lötschenpass machen. [Nur kurz den Berg hinauf bis zur nächsten Kurve. Und zur übernächsten? Na gut, jaaa, ok ... eine noch. Vielleicht wartet dahinter ja etwas spannendes auf mich...] So ungefähr läuft das, wenn ich wandere. Und so ungefähr verlaufe und vertrödele ich mich auch regelmässig. Aber vor allem finde ich so meine schönsten Momente beim Wandern.


auf Abwegen


Mein kleiner Extra-Ausflug mit Mittagspicknick dauert ca. eine Stunde. Zurück am Ausgangspunkt meiner eigentlich Route finde ich ein ziemlich verlassenes Berghaus mit einem ziemlich gelangweilten, aber sehr freundlichen, Saisonmitarbeiter vor. Um diese Zeit gibt es hier wohl kaum Gäste, weshalb er sich die Zeit mit Büchern und TV vertreibt. Als ich ihn begeistert frage, ob er hier dann nicht wandern geht und die wunderbare Landschaft geniesst, schaut er mich verständnislos an. Na gut, als ob ich mir jeden Tag das Münster und die Bahnhofstrasse anschauen würde ... 

Auf geht's also Richtung Weritzalp. Aber nicht weit; an einem Versorgungshäuschen lädt mich der nächste Abweg Richtung Gandegg (2700m ü. M.) zu einem Exkurs ein. Rucksack am Häuschen geparkt, 200m hoch, kurz umschauen, 200m wieder runter. Hier lässt sich noch einiges holen (eine Biwaknacht z.B.!). Aber heute soll's entspannt zugehen. Überhaupt nicht entspannt ist Matthias, der mich einholt, als ich ca. 1'000 Selfies mache, um schlussement ein halbwegs okay'isches Foto von mir und dem fantastischen Panorama zu bekommen. Matthias trägt Sommersandalen und einen bedruckten Stoffbeutel, in dem weder etwas zu essen noch etwas zu trinken ist (klar!). Ausserdem ist er doppelt so alt und doppelt so schwer wie ich. Er ist besorgt, seinen Bus im Tal nicht rechtzeitig zu schaffen und schimpft über den schlecht erhaltenen Weg (ich habe selten einen besseren gesehen). Seine Sorgen sind ansteckend und ich bin mir nicht so sicher, ob er hier unbeschadet wieder runter kommt. Ich gebe ihm ein Schinken-Sandwich und einen halben Apfel .. für seinen Zuckerspiegel und mein Ge-wissen. Dann mache ich mich aus dem Staub, ... mit kaputtem Handy, das in der Zwischenzeit von seinem Selbstauslöserplatz auf die Steine geknallt ist (klar!).


Matthias auf Bergwanderung


Am Nachmittag gegen 16 Uhr erreiche ich den wunderbaren Schwarzsee. Ich bin zunächst ganz allein hier und kann in Ruhe die herbstliche Abendstimmung geniessen. Zwischen imposanten Zuckerguss-Bergketten, behaglichem Spätsommer-Grün und fernen Gletschern bin ich wieder einmal überrascht, wie hübsch unsere Welt doch eigentlich ist. Wenn man einmal seinen Standpunkt verändert. [...] Da ich diesen Moment um keinen Preis teilen möchte, entferne ich mich vom Weg und laufe auf die andere Seite des Sees, um meinen Gedanken nachzuhängen und die einzelnen Wandersleute aus der Ferne zu beobachten. Auch Matthias kommt nach einer Weile geschäftig angetrabt, hat jedoch keine Zeit, hier zu verweilen. Er zieht weiter und sieht mich nicht, wie ich gegenüber auf dem grossen Stein sitze. Ich krame meine Kopfhörer aus den Tiefen meines Wanderrucksacks hervor und lasse mich von Reginas Stimme noch ein wenig höher tragen. Das Liebeslied klingt hier anders als sonst. Mit drei Grashalmen und vier Gedankenfäden binde ich es sorgsam an diesen magischen Ort. Heute für immer.


Schwarzsee


Die Sonne ist weg, alles um mich herum kataraktgrau und die Luft eisfrisch, als ich vom See aufbreche. So frisch, dass ich meine neue superweiche Wintermütze einweihen kann (juhu!). Ich bin wieder allein und fühle mich pudelwohl in diesem leisen Herbstmeer. Schade kann man Glück nicht einfach zusammenfalten und konservieren. [...] Gut kann man das mit Grammatikregeln machen; wäre ja schade um das gute alte Hochdeutsch.

Bis zu meinem Nachtlager im Hotel Fafleralp ist es nur noch ein Katzensprung; und, PREMIERE!, ich komme pünktlich und ohne Erfrierungsanzeichen dort an. Die Empfangsdame ist sehr herzlich und verkündet, dass mein Touristenlager  im Langgletscher ein kleines Zweibettzimmer ist, das ich heute für mich allein habe (für den Preis von 45 Sfr. inkl. Frühstück habe ich mit einer Matratze am Boden und lauten Zimmergenossen gerechnet). Als ich das kleine herzige Zimmer mit Blumentapete betrete, ist mein Gebirgsmärchen perfekt - ich bin entzückt und verlängere meinen Aufenthalt spontan auf zwei Nächte. Nach einer warmen Dusche (gratis!) geht's für mich müde und zufrieden ins kuschelige Federbett. Vor dem Einschlafen überlege ich, ob ich das Zimmer wohl für einen ganzen Monat mieten könnte und schmiede heimliche Stadtfluchtpläne, die träge schleichend in Nachtträumereien übergehen.


Nachtlager im Langgletscher


Der nächste Tag beginnt mit einem wirklich feinen Birchermüsli, frischer Bergluft und ein paar Sonnenstrahlen. Perfekte Bedingungen für meine Rund-wanderung zur Anenhütte. Wenn da nicht das Problem mit dem Kartenlesen und der Fokussierung wäre :) Gleich zu Beginn der Tageswanderung laufe ich konsequent (und ziemlich begeistert von dem wildabenteuerlichen Weg) in die falsche Richtung, was mir zusätzliche 200 Höhenmeter in beide Richtungen einbringt. Ich folge dem Fluss Innre Talbach und den entschlossenen Kühen .. statt der blöden grünen Linie auf dem Papier. Die Tiere hatte ich schon am Vortag lieb gewonnen; es sind schottische Galloway-Rinder, relativ klein, mit zotteligem Fell und einem breiten, weissen Streifen um den Bauch. Es war (unerwiderte) Liebe auf den ersten Blick. [Recherchemodus an] Die Rasse zeichnet sich durch ihre Genügsamkeit und Anpassungsfähigkeit aus. Und sie menschelt nicht gern. [...] Ich sehe da gewisse Parallelen. Vielleicht sollte ich es im nächsten Leben auch mal als Galloway-Rind probieren.


unterwegs mit den Schotten


[...] tbc